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Wozu nutzte man Alaun und Vitriol?

Die Buckelapotheker prägten über Jahrhunderte den Handel mit Naturheilmitteln im Thüringer Wald. Mit Heilkräutern, Salben und Tinkturen, den sogenannten Olitäten, reisten sie zu Fuß durch weite Teile Europas und machten das Wissen der heimischen Kräuterfrauen weit über die Region hinaus bekannt. Eine besondere Rolle spielte dabei Alaun – ein vielseitiger Mineralstoff, der unter anderem in der Medizin, der Papierherstellung, der Lederverarbeitung und der Textilfärberei Verwendung fand.

Der Alaun ist ein Doppelsalz des Schwefels. Bis vor 100 Jahren fand er sich in fast jedem Haushalt, ebenso wurde er in vielen Gewerken verwendet: beim Gerben, in der Medizin, als Holzschutzmittel, bei der Farbenherstellung, bei der Leimung, beim Beizen, Bleichen und  Konservieren.

Besonders vielseitig war Kaliumaluminium-Alaun, kurz Kalialaun, da es bei wichtigen Anwendungsfällen nicht wie Eisen- oder Chrom-Alaun zu Verfärbungen führt.  
Kalialaun dissoziiert in wässriger Lösung vollständig zu Kalium-, Aluminium- und Sulfat-Ionen.

 

 K2Al2(SO4)4 + 8H2O <—-> 2K+ + 2AL3+ + 8(OH) + 8H+ + 4SO42-

Von praktischer Bedeutung waren sowohl die Aluminium- als auch die Sulfat-Ionen. Bevor Schwefelsäure großtechnisch erzeugt werden konnte, war Alaun die wichtigste Quelle für Sulfat-Ionen. Eine wässrige Alaunlösung stellt in gewissem Sinne eine temporäre Schwefelsäure dar, daraus erklärt sich seine adstringierende Eigenschaft, d.h. seine zusammenziehende und verfestigende Wirkung auf Eiweißstoffe. Weiterhin oxidieren Sulfat-Ionen mancher nicht echten Farbstoffe. Sie wandeln diese in farblose Formen über, was Ausbleichung bedeutet. Nicht zuletzt wirken Sulfat-Ionen bakterienabtötend und keimhemmend. Diese drei Eigenschaften überlagerten sich bei den einzelnen Anwendungsfällen.

Bereits im Mittelalter werden reisende Händler “Buckelkrämer“ genannt, denn sie tragen ihre Ware mit einem Holzgestellt auf ihren Rücken (Buckel), dem sog. Reff, stets mit sich und ziehen so von Ort zu Ort.

Kräuterfrauen im Thüringer Wald sammelten über Jahrhunderte einheimische Heilpflanzen und verarbeiteten sie zu Heilmitteln, den sog. Olitäten (lat. Oleum – Öl).

Damals bezeichnete man alles als Olität, was das einfache Volk als Naturheilmittel verwendete, weil es sich ärztlichen Beistand nicht leisten konnte oder weil Ärzte derartige Mittel wie Aloe oder Opium nicht verschreiben wollten.

Verpackt in Tonkrügen, Glasflaschen und Spanschachteln wurden die Salben, Kräuterzubereitungen und Tinkturen, aber auch Alaunkristalle aus dem Bergwerk „Jeremias Glück“, von den Buckelkrämern in die Welt hinausgetragen.  

Seit dem 30jährigen Krieg bis ins 20. Jahrhundert transportierten sie die Ware auf mehrwöchigen Reisen zu Fuß. Sie verkauften sie vornehmlich an Fürsten- und Königshäuser in Europa. Dabei waren einzelne Familien für bestimmte Absatzgebiete zuständig  und konnten sich somit eine Art Monopol aufbauen.

Allein im Jahr 1780 waren etwa 800 Buckelapotheker zwischen Dänemark und Ungarn sowie Polen und Frankreich unterwegs. Die Produkte wurden über niederländische Häfen auch nach Übersee verschifft.

Obwohl in manchen deutschen Gegenden Gesetze gegen Hausierer und somit auch Buckelapotheker erlassen wurden, welche selbst die Beherbergung der Buckelkrämer verbietet, kommt es im 18. Jahrhundert zu einer Blütezeit des Olitätenhandels in Thüringen.

Bekleidet mit braunem Dreispitz, braunem Schoßrock, roter Weste, weißem Halstuch, brauner Lederhose und Gamaschen wurden sie nicht mehr „herrenlosen Gesindel“ , sondern „gottgelobte Laboranten aus Thüringen“ genannt. Sie genossen hohes Ansehen und selbst Ärzte und Chirurgen schätzten und befolgten ihren Rat.  Sie waren somit Vorreiter der Vertreter der Spirituosen- und Pharmaindustrie.

Nach dem zweiten Weltkrieg  konnten die Vertriebslinien nicht mehr aufrecht erhalten werden.   Viele Familienmitglieder der Buckelapotheken-Dynastien fanden Arbeit als Angestellte der VEB Pharmazeutisch-Chemische Fabrik Meuselbach, der heutigen Krewel Meuselbach GmbH.

Alaun gilt in der Medizin früherer Tage als wahres Wundermittel. Man setzt das Pulver gegen allerlei Entzündungen, Ekzeme und nässende Hautausschläge, aber auch bei der Empfängnisverhütung ein, zum Teil einfach dadurch, indem man es in einem Stoffsäckchen bei sich trug.

Selbst gegen Ängste und Schuldgefühle sollte es helfen und im Orient dient Alunit als Schutzstein gegen Besessenheit und Verzauberung.

Lonicerus empfiehlt 1679, das Pulver mit Regenwürmern zu vermischen und gut zu vermahlen um eine Salbe gegen Krebsgeschwüre zu erhalten. Außerdem soll Alaun gegen Jucken, Grind, Fisteln „faulig Fleisch in Wunden“ sowie gegen Läuse und Nissen helfen.

Alaun besitzt eine astringierende, also zusammenziehende und desinfizierende Wirkung. Darum lassen sich damit Blutungen stillen und in Alaunbädern Hämorrhoiden behandeln. Durch seine antibakterielle Wirkung wird es bereits von den Römern als Deodorant genutzt. Bekannt sind Anwendungen gegen feuchte Hände und Füsse, bei trägen Blutflüssen, lang anhaltenden Schleimablösungen, Diarrhöen und Bleikolik.

Färber nutzen die beizende Wirkung des Alauns, um textile Gewebe dauerhaft färben zu können. Beim Beizen und Färben von Textilfasern vermitteln die Aluminium-Ionen chemisch zwischen Naturfaser und den Farbstoffen durch Bildung von Komplexverbindungen.

Gewebe werden in Alaunlösung gekocht, bevor sie mit wässrigen Auszügen aus Färbepflanzen getränkt werden.

Schon die Römer färben auf diese Weise Stoffe und stellen so die typische leuchtende Toga her.

Als Färbepflanzen dienen ihnen Krappwurzel, Färberröte und Blauholz.

Bei der Farbenherstellung aus Naturpflanzen nutzt man Alaun, um Farbpigmente an ein Bindemittel zu mischen. Alaun wandelt sich in einer wässrigen Lösung mit Pottasche und Natronlauge in feinste weiße Tonerdekristalle, an die sich Naturpigmente binden. So erhält man verstreichbare Pigmentmassen für Maler- und Deckfarben.

Bis ins 19. Jahrhundert wird Papier aus Lumpen (Hadern) und Faserpflanzen hergestellt. Alaun dient zu dieser Zeit dem Bleichen und Verfestigen dieser Papierbestandteile.

Mit der Erfindung des Holzschliffverfahrens durch J. C. Schiffer 1765 ist die Grundlage für die Massenherstellung von Papier aus Holz-Zellulose geschaffen. Dieses Papier wirkt unbehandelt wie Löschpapier und ist zum Beschreiben oder Bedrucken ungeeignet.

Der wasserabweisende Alaun wird dem Zellusopapier mit Abetienharzseife zugesetzt, um das Verlaufen der Tinte zu verhindern. Allerdings führen die durch dieses Verfahren eingebrachten Sulfat-Ionen zum sogenannten „Büchersterben“, weil die Papiersäure Bücher und Dokumente in Archiven zerfallen lässt.

Funde aus Ägypten belegen, dass Holz schon um 450 v.Chr. mit Alaun als Flammschutzmittel imprägniert wird. Auch die Römer setzten es mit Essig gemischt hierfür ein.

Gegen die Verwitterung und tierischem Schädlingsbefall von Bauholz aber vor allem als vorbeugenden Brandschutz werden im Mittelalter Dachstühle und Wehranlagen aus Holz mit Alaunsalzen behandelt. Auch Waffenschmiede tränken hölzerne Waffenteile mit Alaun um diese feuerfester zu machen.

Löschpulver unter Zugabe von Alaun sind im 18.Jahrhundert in Gebrauch und bereits 83 v.Chr. löscht man mit Alaunlösungen Feuer.

Alaun bildet einen bedingten Flammschutz ,indem sein relativ hoher Anteil an Kristallwasser beim Erhitzen freigesetzt wird und das Entzünden des Holzes hemmt: Alaunbehandeltes Holz wird beim Erhitzen feucht!

In des Leders Werdegang /
ist die Hauptsach‘ der Gestank. /
Kalk, Alaun, Salz, Mehl, Arsen, /
machen’s gar recht weiß und schön. /
Eigelb, Punkel, Hundeschiete /
geben ihm besond’re Güte. /
Drum ist es ein Hochgenuß /
auf den Handschuh zart ein Kuß.

Dieser Gerberspruch beschreibt die zum Weißgerben oder Alaungerben notwendigen Hilfsstoffe.

Die Gerbung erfolgt durch Mineralien wie Alaun und Kochsalz und erzeugt ein helles, fast weiß gegerbtes Leder – daher der Name Weißgerbung. Die Weißgerberei wird vor allem für feinere, dünne Leder von Kalb, Schaf und Ziege eingesetzt. Nach der Reinigung der Felle von Blut-, Fleisch- und Fettresten reiben die Gerber in diesem sehr alten Verfahren feuchten Alaun in die ausgewaschene Lederhaut. Die Eiweißfasern ziehen sich hierdurch zusammen, vernetzen und verfestigen sich.

Getrocknet ist das Leder steif und hart und muss durch mechanische Bearbeitung, Fettung und Färbung „zügig“ gemacht werden. Die Gerbung ist nicht permanent und kann wieder ausgewaschen werden.

In der Landwirtschaft und speziell im Weinbau werden Alaun und dessen Nebenprodukte eingesetzt.

Blattläuse und Raupen an Beerensträuchern tötet man durch Übergießen mit einer heißen Alaunlösung. Auch gegen die Reblaus wird Alaun im Weinanbau eingesetzt. Vor allem Kupfervitriol, das entsteht, wenn Schwefelsäure, die aus dem Alaunschiefer ausgewaschen wird, auf Kupfer trifft, ist ein begehrtes Bekämpfungsmittel gegen die Reblaus.

Zur Verhütung des Rostes (Galitzenstein) bei Weizen bestreut man diesen mit Kupfervitriol.

Im 19. Jahrhundert übertrifft die Nachfrage nach Kupfervitriol in manchen Jahren das Angebot bei weitem, in anderen wird es in größeren Mengen exportiert.

Durch Zugabe von Alaun ins Gießwasser erblühen die Blütendolden der Hortensien in einer blauen oder violetten Färbung.

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